21 | 10 | 2018

Dass Elmar Altvater, der am 1. Mai 2018 starb, Sohn eines Bergarbeiters war, hat er nie vor sich hergetragen.

1938 geboren, studierte er in München Volkswirtschaftslehre und promovierte 1968 mit einer Arbeit über „Gesellschaftliche Produktion und ökonomische Rationalität: externe Effekte und zentrale Planung im Wirtschaftssystem des Sozialismus“. Da war er schon sozusagen der Ökonom des SDS. Nach einer Assistentenzeit an der Universität Erlangen wurde er 1971 Professor für Politische Ökonomie am Otto-Suhr-Institut (OSI) der FU.

Früh hat er Marx für sich entdeckt und bis in seine letzten Jahre hinein die Kenntnis des „Kapital“ immer neuen Generationen von Studierenden und politisch Aktiven nahegebracht. Aber das war nur ein Teil seiner Arbeit, Lehre in den verschiedensten Formen. Daneben und vor allem gab es seine weitgespannte Forschung. Die Währungskrise des November 1968 mag ein Anstoß für ihn gewesen sein, dass die globalen Kapitalbewegungen fortan ein zentrales Gebiet seiner wissenschaftlichen Arbeit wurden. Ihnen spürte er im Kapillarsystem der Weltwirtschaftsordnung nach. Bahnbrechend wurde sein Buch „Sachzwang Weltmarkt“ von 1987, in dem er am Beispiel Brasiliens zeigte, wie das Kapital ganze Regionen „in Wert“ und „außer Wert“ setzt: über sie herfällt und sie verwüstet zurücklässt. Dies führte ihn schließlich auch zur Untersuchung der ökologischen Auswirkungen. Auch Natur kann in Wert und außer Wert gesetzt werden. 2005 schrieb er über „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen“. Gemeint war die Erschöpfung der fossilen Grundlagen dieser Produktionsweise. Der Übergang zu einer solaren Energiewirtschaft müsse dezentral und solidarisch organisiert werden. Am Ende, schon schwer krank – gleichsam in einer Art Vermächtnis –, kehrte er noch einmal zur didaktischen und popularisierenden Vermittlung der Grundlagen des Historischen Materialismus zurück: in zwei schmalen Bändchen, in denen er dazu anleitete, Marx und Engels neu zu entdecken, jetzt mit dem Schwerpunkt auf dem Mensch-Natur-Verhältnis.

Es wird sich schwer klären lassen, ob die Wissenschaft Elmar Altvater zur Politik trieb oder umgekehrt sein politisches Engagement der Ausgang für seine ökonomischen Analysen war. Er war im SDS, in der Sozialistischen Assistentenzelle am OSI, im Sozialistischen Büro, dann Mitglied der Grünen. Die verließ er 2001: als die Schröder-Fischer-Regierung sich an Kriegen beteiligte und die letzten ökosozialistischen Spuren aus dieser Partei ausgewaschen waren. Typisch für ihn war, dass er, wenn er ging, dies wohl zwar im Zorn getan haben mag, aber nie aggressiv. Seit 2007 war er in der Partei „Die Linke“, und er beteiligte sich am „Institut Solidarische Moderne“ sowie an ATTAC.

Dieser Marxist der ersten (bundesrepublikanischen) Stunde war nie Kommunist. Er blieb der Linkssozialist, der er schon im SDS war, und reicherte diese Position in einem langen Forscher- und Aktivistenleben immer weiter an. Die Intervention der Warschauer-Vertrags-Organisation in der Tschechoslowakei hat er verurteilt. Der Theorie des Staatsmonopolistischen Kapitalismus konnte er nichts abgewinnen. Er hat sich mit ihren Vertretern auseinandergesetzt, aber nie persönlich-polemisch, sondern in einer Form des wissenschaftlichen Streits, die in ihrer Kombination von sachlicher Unnachgiebigkeit und Respekt, die kennzeichnend für ihn war und zur Nachahmung zu empfehlen ist.

Ob dies immer auf Gegenseitigkeit beruhte, wäre irgendwann noch zu untersuchen. Anfang der siebziger Jahre wurde er aus der Zeitschrift „Sozialistische Politik“ hinausgedrängt, wohl kein Ruhmesblatt für übereifrige junge Kommunistinnen und Kommunisten damals. Er hat danach die „Probleme des Klassenkampfs“ (später: Prokla) mitgegründet und erfolgreich gemacht.

Nach 1989 hat es viele Versuche gegeben, den Marxismus in Katakomben zu treiben. Dass dies bis heute misslang, verdankt sich zu einem großen Teil der intellektuellen und moralischen Ausstrahlung Elmar Altvaters.

Erschienen in der UZ vom 11.05.2018

Quelle:

news.dkp.de

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