19 | 08 | 2019

Grafik:  ~Yann 07~ (CC BY 2.0) Bislang 129 Tote forderten die Attentate von Paris am 13. November. Das sind weitere 129 unschuldige Opfer, die – so sieht’s aus – auf das Konto der Terrororganisation „Islamischer Staat“ gehen. Was nach einer beispiellosen Aktion aussieht, reiht sich nahtlos ein in größere Anschläge der letzten Wochen und Monate.

So starben am 20. Juli 34 Menschen bei einem Bombenattentat im türkischen Suruç, am 10. Oktober 102 Menschen in Ankara. Erst vor zwei Wochen explodierte ein russisches Passagierflugzeug über der Sinai-Halbinsel, von 224 Insassen überlebte keiner. Und nur einen Tag vor Paris starben in Beirut über 40 Menschen bei zwei Bombenanschlägen. Die direkte oder indirekte Urheberschaft all dieser Verbrechen liegt wohl beim IS, der offenbar gezielte „Strafaktionen“ unternimmt: Die Opfer von Suruç und Ankara waren Unterstützer des Freiheitskampfes der nordsyrischen Kurden, die Anschläge von Beirut galten einer Hochburg der gegen den IS kämpfenden Hisbollah – und Russland ist derjenige Staat, dessen Luftschläge in Syrien in Kooperation mit den Regierungstruppen dem IS beträchtlich zusetzen.

Das sind nur die bekannteren Fälle. Im Irak, in Afghanistan, in Libyen, in Syrien und anderen Ländern gibt es seit Jahren eine Unzahl an Anschlägen, Massakern und Morden. Nur mal ein paar Zahlen: Seit März 2011, dem Beginn des Krieges in Syrien, schätzt die UNO die Zahl der Todesopfer auf 220.000 – das sind, statistisch gesehen, 150 Tote pro Tag. Im Irak starben seit dem US-Angriff 2003 bis zu 600.000 Menschen – das sind im Schnitt fast 140 Tote pro Tag, und das seit zwölf Jahren. In Bagdad und Damaskus ist jeden Tag Paris.

Aber dies nehmen wir in Österreich – und in ganz Europa – nur beiläufig zur Kenntnis. So richtig betroffen sind wir nur, wenn Anschläge „bei uns“ passieren. Jeden Tag könnten wir unsere Facebook-Profilfotos mit den irakischen, syrischen oder kurdischen Farben unterlegen, jeden Tag könnten wir Grafiken basteln mit dem Peace-Zeichen und dem Fernsehturm von Bagdad oder der Damaszener Umayyaden-Moschee. Denn in Bagdad und Damaskus ist jeden Tag Paris.

Daran sind die westeuropäischen und nordamerikanischen Staaten alles andere als unschuldig. Sie unternehmen nach Belieben Militärinterventionen im Nahen und Mittleren Osten, sie stürzen Regierungen, die ihnen ökonomisch, politisch und geostrategisch nicht in den Kram passen, sie finanzieren paramilitärische und Terror-Gruppen, die Stellvertreterkriege ausfechten sollen, sie liefern Waffen an kriegführende Staaten, sie sind beste Freunde von autoritären bis despotischen Regimes wie jenen in Saudi-Arabien, Katar oder der Türkei. Sie züchten aus imperialistischen Interessen Monster wie Al-Kaida, die Taliban oder eben den IS – doch noch in jeder Horrorgeschichte bricht das Monster aus, gerät außer Kontrolle und wendet sich gegen seinen Schöpfer.

Drei Punkte kann man nun festhalten. Erstens: Wer den IS effektiv bekämpfen, weil tatsächlich besiegen will, der wird das – ob es einem nun gefällt oder nicht – gemeinsam mit Russland, dem Iran und der Assad-Regierung tun müssen. Zum Zweiten: Es sind der nordamerikanische und europäische Imperialismus und Neokolonialismus gegenüber den Ländern in Asien und Afrika sowie ihre verheerenden gesellschaftlichen, sozialen, wirtschaftlichen und kriegerischen Folgen, die es radikalen islamistischen Gruppierungen erleichtern, dort eine fehlgeleitete Anhängerschaft zu rekrutieren. Niemand sprengt sich selbst wegen 72 Jungfrauen ins Paradies. Sie tun es, weil sie ohnedies in verzweifelten Lebenssituationen ohne Ausweg leben. Ähnliches gilt für die muslimischen IS-Unterstützer in Europa: Sie werden diskriminiert und ausgegrenzt, die kapitalistischen Gesellschaften bieten ihnen keine Perspektiven; sie suchen diese in einem identitätsstiftenden politischen Islam, der ihnen falsche Versprechungen macht. Anzusetzen wäre also bei den Lebensumständen der Menschen und den Bedingungen, die dazu führen.

Und drittens, abschließend, das Flüchtlingsthema – vielleicht kann man es so angehen: Die Menschen in Paris haben nun Angst, sie fürchten um ihre Sicherheit und ihr Leben – das war ja auch der Zweck der Anschläge. Wer einem solchen Terror wie am 13. November in Paris jeden Tag ausgesetzt ist, der flieht aus seiner Heimat. Das ist der banale Grund, warum hunderttausende Menschen aus Syrien, dem Irak, aus Libyen oder Afghanistan als Flüchtlinge nach Europa kommen. Weil in ihren Heimatorten jeden Tag Paris ist. Das sollte man verstehen und entsprechend handeln. Aber unsere Regierungen bauen Zäune, wo jeden Tag #porteouverte gelten sollte.

Tibor Zenker, stv. Vorsitzender der Partei der Arbeit Österreichs

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