Am 6. Juni starb Ennio Morricone im Alter von 91 Jahren in Rom. Er war ein vielseitiger Komponist, Musiker und Dirigent, wird den meisten Menschen aber v.a. für seine markante Filmmusik in Erinnerung bleiben. Eine Würdigung.

Ennio Morricone wuchs auf in Trastevere, einem alten römischen Stadtteil, der – wie der Name schon sagt – jenseits des Flusses Tiber liegt, im Gegensatz zur eigentlichen antiken Kaiserstadt, die sich am Ostufer befindet. Heute teilt man sich das Westufer freilich mit Borgo und dem Vatikan, beide nördlich von Trastevere. Das Viertel war aufgrund seiner geografischen Lage historisch immer ein Randgebiet, ein Gebiet der Außenseiter: Etrusker, nichtrömische Migranten, Juden sowie die ersten Christen im Herzen des Imperiums. Nur ein Teil davon liegt innerhalb der Aurelianischen Mauern. Trotz vereinzelter Villen (Julius Cäsar ließ sich hier eine errichten) lebte in der Region trans Tiberim zumeist das einfache Volk: Fischer, Seeleute, Handwerker, Arbeiter – und dies mit multikulturellem Hintergrund –, aber immer auch schon Künstler. Das hat sich bis heute nicht geändert, wenngleich der Stadtteil in den letzten Jahrzehnten massiv von Gentrifizierung und touristisch-gastronomischer „Aufwertung“ betroffen war, wodurch das eingesessene (und immigrierte) Proletariat noch weiter an die Stadtränder vertrieben wurde und wird.

Familie und Ausbildung

Hier wurde also Morricone am 10. November 1928 geboren, zu einer Zeit, als Italien eine faschistische Diktatur war. Seine Familie stammt aus der Ortschaft Arpino in der Nähe von Frosinone, auf halbem Weg von Rom nach Neapel. Historisch ist Arpino bzw. Arpinum als Geburtsort Ciceros aktenkundig. Ennio Morricones Eltern kamen aus wirtschaftlich-sozialen Gründen in die italienische Hauptstadt: Die Mutter, Libera Ridolfi (1905−1994), betrieb hier eine Schneiderei, der Vater, Mario Morricone (1903−1974), war Trompeter in verschiedenen Orchestern für U‑Musik. Und dadurch begann die musikalische Karriere des jungen Ennio Morricone: Sein Vater unterrichtete ihn an diversen Instrumenten, im Alter von zwölf Jahren kam er ans klassische Konservatorium, wo er Trompete studierte. Sein Talent wurde bald sichtbar, als er seine Kurse erstaunlich rasch absolvierte. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges setzte er die Studien Komposition und Chormusik fort. Er wurde als Theaterkomponist, beim italienischen Rundfunk und als Arrangeur tätig. 1956 heiratete er Maria Travia – aus der Ehe, die ein Leben lang halten sollte, gingen vier Kinder hervor. Und obwohl er weiter Kammermusik und Avantgardewerke schrieb (und später sogar Kantaten, Messen und eine Oper), kam Morricone bald darauf zum Film: Hierfür sollte er weltbekannt werden.

Zusammenarbeit mit Sergio Leone

Natürlich ist es vor allem die Filmmusik, womit der Name Morricone verbunden ist. Ab 1961 komponierte er für verschiedene Produktionen, der Durchbruch kam Mitte des Jahrzehnts, nämlich in Zusammenarbeit mit einem alten Schulkollegen aus Trastevere: Sergio Leone. Es war wohl Zufall, dass der Italo-Western gerade seine Blütezeit erleben sollte, weshalb Morricone unfreiwillig vorerst in gerade dieses Genre fiel, doch es ist kein Zufall, dass Morricone zu dessen Erfolg eben massiv beigetragen hat. Die Filmmusik zu Leones „Dollar-Trilogie“ 1964 – 1966 („Für eine Handvoll Dollar“, „Für ein paar Dollar mehr“, „Zwei glorreiche Halunken“) ist legendär und wurde stilbildend. Ironischer Weise war es auch das geringe Produktionsbudget, das dazu führte, dass Morricone – in Ermangelung eines umfassenden Orchesters – auf minimalistische und ungewöhnliche Ideen zurückgriff: Schreie, Pfiffe, Kojotengeheul, Maultrommeln, unspezifische Geräusche und – Stille. Auch komponierte Morricone nicht die Musik zum (abgedrehten) Film, sondern Leone filmte und schnitt teilweise zur vorab gelieferten Musik. Insofern ist Morricones Einfluss über das einer gewöhnlichen musikalischen Untermalung weit hinausgehend – sie befördert und trägt geradezu Handlung, Bilder und Inhalte, Interaktionen und Emotionen. Die Zusammenarbeit mit Leone (Regie und/oder Produktion) führte zu weiteren Leinwand- und Filmmusik-Klassikern: Insbesondere „Spiel mir das Lied vom Tod“ (1968), mit dem im Deutschen titelgebenden Mundharmonikathema, sowie „Es war einmal in Amerika“ (1984). Wenngleich nicht unbedingt filmisch, so dennoch musikalisch, ist auch „Mein Name ist Nobody“ (mit Terrence Hill und Henry Fonda) zu nennen, inklusive einer spannenden Wagner-Variation. Die zuvor genannten Kinoerfolge beförderten so manche Schauspielerkarriere, so natürlich jene von Clint Eastwood, Charles Bronson, Lee Van Cleef, Robert De Niro und James Woods.

Sergio Corbucci und der Revolutionswestern

Die passende Ergänzung stellt Morricones Arbeit mit Sergio Corbucci dar, dem zweiten großen Regisseur des Italo-Westerns. Deren Ergebnisse sind „Leichen pflastern seinen Weg“ (1968, mit Jean-Louis Trintignant und Klaus Kinski), „Mercenario“ (1968, mit Franco Nero und Jack Palance) sowie dessen Remake „Zwei Compañeros“ (1970). Und damit sind wir beim Genre Revolutionswestern. Morricones Titellied zu letztgenanntem Film, „Vamos a matar, compañeros“ („Lasst uns töten, Genossen/Kameraden!“), liefert die passende Hymne zum revolutionären mexikanischen Aufstand gegen Ausbeuter und Unterdrücker, Großgrund- und Minenbesitzer sowie US-Einmischung. Wenngleich die Handlung in der Vergangenheit angesiedelt ist, so richtet sich die immanente politische Kritik doch gegen die damals aktuelle lateinamerikanische Kompradorenbourgeoisie und den Yankee-Imperialismus: Tomás Miliáns bzw. Tony Musantes Figur liest sich unschwer als (allerdings ein wenig satirische) Che Guevara-Abbildung, womit auch Kuba zum Thema wird. Dass „der Baske“ aber auch ein kleiner Affront gegen den Franco-Faschismus ist, erscheint beim Drehort im spanischen Almería schon wieder mutig. Mit Professor Xantos, gespielt von Fernando Reyes, wird dem damals neu gewählten chilenischen Präsidenten Salvador Allende auf fast gruselige Weise sein Schicksal vorhergesagt. Doch die Botschaft ist: Die Revolution wird weitergehen und früher oder später siegen, in Mexiko, Chile und Kuba, und die Nordamerikaner werden vertrieben, aus Lateinamerika wie aus Vietnam.

Eine Art Hollywood-Karriere

Die italienischen Achtungserfolge öffneten Morricone die Tür nach Hollywood, wenngleich es zunächst beim Western blieb („Ein Fressen für die Geier“, 1970, von Don Siegel, mit Eastwood und Shirley MacLane). Es folgte die Filmmusik zu „Der Exorzist II“ (1977, mit Richard Burton und Paul Henreid in seiner letzten prominenten Rolle), „Orca, der Killerwal“ (1977, mit Richard Harris), „Das Ding aus einer anderen Welt“ (1982, von John Carpenter) oder „Red Sonja“ (1985, mit Brigitte Nielsen und Arnold Schwarzenegger). Über die Qualität dieser Streifen lässt sich freilich streiten, nicht aber über Morricones Beitrag. Künstlerisch unumstritten – nämlich nicht nur der jeweilige Soundtrack von Morricone – sind hingegen „Mission“ (1986), „Die Unbestechlichen“ (1987, von Brian De Palma) oder „Frantic“ (1988, von Roman Polanski). In den 1990er Jahren sowie im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends lieferte Morricone die Musik zu einigen regelrechten „Blockbustern“ wie „In the Line of Fire“ (1993, von Wolfgang Petersen), „Enthüllung“ (1994, mit Michael Douglas und Demi Moore), „U‑Turn“ (1997, von Oliver Stone) oder der Himbeer-gekrönten „Mission to Mars“ (2000, De Palma). Schließlich entdeckte Quentin Tarantino Morricone für sich: Für „Django Unchained“ (2012) verwendete er alte Werke, ehe er ihn 2015 für „The Hateful Eight“ tatsächlich engagierte. Geradezu absurd mutet es jedoch an, dass Morricone erst für den zuletzt genannten Film, im Alter von 88 Jahren, einen regulären Oscar gewann.

Europäische Produktionen

Doch in Wirklichkeit zog es Morricone nie nach Hollywood, wo es am Walk of Fame dennoch einen Stern mit seinem Namen gibt – er wohnte sein Leben lang in Rom. Glamour, Partys, ausufernde Aufmerksamkeit und übertriebene Würdigungen waren nicht seine Sache (weswegen wir hier auch nicht weiter über Grammys und Golden Globes sprechen). Er galt als bodenständiger und bescheidener Mensch, teilweise als geradezu introvertiert: nicht das Normalste im „Show-Business“. Er arbeitete nicht für Geld und Ruhm, sondern weil es seine mit erstaunlichem Talent versehene Berufung war. Und so ist es auch kein Wunder, dass Morricone weiterhin für engagierte europäische Produktionen tätig war, darunter die Belmondo-Filme „Angst über der Stadt“ (1975) und „Der Profi“ (1981), Maximilian Schells Dürrenmatt-Verfilmung „Der Richter und sein Henker“ (1975), der RAF-Episodenfilm „Deutschland im Herbst“ (1978, u.a. mit Beiträgen von Fassbinder und Schlöndorff), „Cinema Paradiso“ (1988, mit Philippe Noiret), „Fessle mich!“ (1990, von Pedro Almodóvar, mit Antonio Banderas) sowie natürlich „I wie Ikarus“ (1979, mit Yves Montand): Der weitaus bessere JFK-Film als die Stone/Costner-Version „Tatort Dallas“ (1991) – das gilt auch für die Filmmusik, wobei am Hollywood-Streifen immerhin John Williams als Komponist mitwirkte („Star Wars“, „Der weiße Hai“, „Indiana Jones“, „Schindlers Liste“). Zu guter Letzt sei auch Morricones Sinn für Humor erwähnt: Von ihm stammt die Musik für die drei französisch-italienischen „Käfig voller Narren“-Komödien. Und dem TV-Konsumenten ist natürlich auch Morricones Arbeit in der „Allein gegen die Mafia“-Serie ein Begriff.

Der politische Mensch

Morricone war gläubiger Katholik – er ist unweit des Vatikans aufgewachsen. Für den gegenwärtigen Papst Franziskus hat er eine eigene Messe geschrieben, für einige Bibelverfilmungen lieferte er den Soundtrack. Doch er war alles andere als ein konservativer Reaktionär. Die Herkunft aus Trastevere hat ihn sein Leben lang geerdet, jede Verachtung für die einfachen und armen oder weniger gebildeten Menschen, wie sie manche gut bezahlte Künstler an den Tag legen, war ihm fremd, er legte Wert auf Gerechtigkeit. Morricone hat durchaus bewusst an progressiven, gesellschaftskritischen Filmen mitgewirkt, darunter der in alle Richtungen kontroversielle „Weg der Arbeiterklasse in Paradies“ (1971), die mehrfache Zusammenarbeit mit Pier Paolo Pasolini oder natürlich „Sacco und Vanzetti“ (1971), womit den beiden von der US-Klassenjustiz 1927 hingerichteten italienischstämmigen Anarchisten ein Denkmal gesetzt wurde. Morricones Komposition zum Film enthält die dreiteilige „Ballade von Sacco und Vanzetti“, von der vor allem der Schlusstitel berühmt ist: „Here’s to You“, damals getextet und gesungen von Joan Baez, gehört bis heute zum fixen Repertoire des linken Polit- und Protestsongs. 1972 versah Franz Josef Degenhardt das Lied mit einem deutschen Text. Selbst wurde Morricone allerdings nur einmal direkt politisch aktiv: 2007 kandidierte er bei den Vorwahlen der Demokratischen Partei („Partito Democratico“), die damals noch „Democratici di Sinistra“ (Linksdemokraten) hieß, als Unterstützer des römischen Bürgermeisters Walter Veltroni. Juristisch handelte es sich bei PD bzw. PDS zwar um die Rechtsnachfolger der früheren, ehrwürdigen Italienischen Kommunistischen Partei, faktisch jedoch freilich längst um eine sozialdemokratische Organisation.

Geschenk und Abschied

Es ist kaum auszumalen, welche Lücke Morricones Tod hinterlässt. Nicht dass Hans Zimmer, Alan Silvestri, Danny Elfman, Jerry Goldsmith oder der bereits erwähnte, auch schon etwas ältere John Williams Dilettanten wären – ganz im Gegenteil –, aber ein Werk wie jenes Morricones markiert doch eine gewisse Einzigartigkeit, zumal zu den rund 500 Filmen und TV-Produktionen, an denen er gearbeitet hat, viele weitere Kompositionen kommen, die leider nur einer engeren Öffentlichkeit bekannt sind. Man wäre geneigt zu sagen, seine Musik sei für die Ewigkeit, wenn man nicht wüsste, dass nichts ewig ist. Auch nicht Morricones geliebtes Rom, in dessen Biomedizinischer Universitätsklinik er am vergangenen Montag starb. Mit aller ihm eigenen Bescheidenheit begann Morricone auch seine selbst formulierte Todesanzeige, die am Dienstag in den wichtigsten italienischen Zeitungen erschien: „Ich will nicht stören.“ Und weiter schrieb er: „Ich, Ennio Morricone, bin gestorben. Das verkünde ich allen Freunden, die mir stets nahegestanden sind, und auch jenen, die ferner sind, und die ich mit großer Liebe grüße.“ Morricone hinterlässt ein bedeutendes Werk, das ein Geschenk an die Menschheit ist. Seine Geschenke muss man annehmen, spielen und hören, auch wenn Morricone nicht mehr selbst am Dirigentenpult stehen kann.

Quelle:

Zeitung der Arbeit