20 | 11 | 2019

Nach der Veröffentlichung von gleich vier Studien zum potentiellen Bauland in Luxemburg und dem Konzentrationsgrad unter den Eigentümern der Baugrundstücke durch LISER und »Observatoire de l’habitat« sowie einer des Statec zu den exorbitanten Wohnkosten von 42 Prozent der durchschnittlichen Haushaltsausgaben wird in Presse, Radio und TV derzeit viel über den grassierenden Wohnungsmangel geschrieben und gesprochen.

Dabei wird einiges durcheinandergebracht. So erklärte die zuständige Ministerin, die Baulandpreise seien schuld an den drastisch steigenden Wohnkosten, es gebe einfach nicht genug Grundstücke. Was nach einer Kritik an der Immobilienspekulation klingt, mag aus betriebswirtschaftlicher Sicht plausibel erscheinen. Doch bei der Preisbildung für Bauterrain verhält es sich tatsächlich umgekehrt: Die künftig mit den Immobilien erzielbaren Gewinne z.B. aus Mieteinnahmen führen zu den hohen Grundstückspreisen.
Das immer drängender werdende Problem des Wohnungsmangels aber hat unter kapitalistischen Bedingungen System: Die Versorgung mit dem lebenswichtigen Gut Wohnung erfolgt über den »Markt«, den Wohnungsmarkt. Es sind in erster Linie Private, die ihre Eigentumsrechte an der Ware Wohnung benutzen können, um ihren Reichtum zu vergrößern.

Das lohnende Geschäft ist dabei kein willkommener Zusatz zum Versorgungszweck, sondern die Bedingung der Versorgung. So läßt sich das Bedürfnis nach einem Dach über dem Kopf auf dem »Markt« nur soweit und nur dann verwirklichen, wenn es über eine für das private Verwertungsinteresse ausreichende Zahlungsfähigkeit verfügt.
Die spezielle Funktionsweise des Wohnungsmarktes hängt mit dem besonderen Charakter der Ware Wohnung zusammen: Das in der Wohnung gebundene Leihkapital erfordert einen hohen Kapitalvorschuß, der erst über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten wieder zurückfließt.

Schon wegen dieser Besonderheiten müssen die Eigentümer von Mietwohnungen darauf bedacht sein, das mit dem Verleihgeschäft verbundene Risiko unzureichender oder gar ausbleibender Mietzahlungen gering zu halten. Als Kapitalfraktion müssen sie ein Interesse daran haben, daß es immer ein Defizit an Wohnungen gibt, eine Knappheit auf dem Markt, damit die Mieten nicht sinken, sondern auch für ältere Gebäude weiter steigen.

Diese Knappheit ist im Kapitalismus nötig. Würden sich Angebot und Nachfrage tatsächlich ausgleichen, würden schnell keine neuen Wohnungen mehr gebaut. Der kapitalistische Wohnungsmarkt funktioniert nur unter der Bedingung des Mangels, der Wohnungsnot.

Weil sie einen funktionierenden Wohnungsmarkt haben wollen, folgern die diversen Fraktionen der bürgerlichen Einheitspartei daraus, daß sie die Rahmenbedingungen so setzen müssen, daß weder ein zu großer Mangel noch ein Überangebot entsteht. Wenn der Wohnungsmangel zu groß wird, fördern Staat und größere Gemeinden den Neubau von Wohnungen z.B. durch Steuervergünstigungen, Förderprogramme oder die Subventionierung der Mietzahlungsfähigkeit ärmerer Privathaushalte.
Obwohl es sich bei letztgenannter Maßnahme also um eine im Interesse der Mietwohnungseigentümer, deren Geschäft sich wieder rentieren soll, und nicht im Interesse der Mieter handelt, wird eine solche den Marktgesetzen zuwiderlaufende Intervention stets als Sozialpolitik verkauft.

Oliver Wagner

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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