22 | 11 | 2019

Vor einigen Wochen gab es bei RTL eine Miniserie, bei welcher bekannte und weniger bekannte Personen aus Öffentlichkeit und Wirtschaft einige Fragen beantworteten und am Ende selbst einen Wunsch äußern durften. Eine Ausgabe hatte einen Patronatsvertreter der Bäckerei Jos & Jean-Marie zu Gast. Dieser wünschte sich am Schluß des Beitrages »eng Krankekees fir déi wierklech krank«.

Großes Echo fand diese Forderung nicht, obwohl es sich unverblümt um eine Erneuerung des patronalen Vorwurfs handelte, die Lohnabhängigen in den Betrieben würden im Absentismus, also dem Fernbleiben von der Arbeit aus reiner Faulheit, schwelgen. Der Chef dieser Großbäckerei ist beileibe kein Einzelfall im Handwerk, bei dem sich solches Ansinnen offenbart.

Immer wieder fordert das Handwerkspatronat Einschnitte beim Mindestlohn, eine moderate Lohnpolitik generell, Kürzungen des Arbeitslosengeldes oder gar eine Entkopplung der Löhne vom Index. Nicht selten kommt es vor, daß talentierte junge Handwerker ohne Aufstiegschancen und völlig unterbezahlt im Privatsektor arbeiten müssen.

Die Betriebe fürchten nun, mit Blick auf das Handwerk in der umliegenden Großregion von den Futtertrögen verdrängt zu werden und rufen nach Hilfe vom Staat. Dieser soll ihnen nicht nur die Türen zu den Klassenzimmern öffnen sondern auch die Einwanderung von ausländischen Fachkräften, die sich nicht selten mit weit weniger Lohn zufriedengeben als einheimische Beschäftigte, wesentlich erleichtern.

Qualität sei nur mit qualifiziertem Personal zu erreichen, hieß es diese Woche bei einer neuerlichen Auflage des patronalen Gewimmers. Sehr richtig. Doch sollte diese Qualitätsforderung keine Einbahnstraße sein. Wer auf der einen Seite Löhne drücken und eigene soziale Verantwortung zurückfahren will, darf sich nicht darüber wundern, wenn kein Fisch anbeißt.

Wohnungsnot und Verkehrsprobleme gibt es nicht nur für die jetzt anvisierte Zuwanderung von Fachkräften, sondern nach wie vor auch für die einheimischen oder im Land lebenden Handwerker, denen dann aber gesagt wird, sie sollten Lohnverzicht üben und flexibler sein.

Das Handwerk benötigt zur Steigerung seiner Attraktivität faire Löhne, Arbeitsplatzgarantien für Auszubildende und Weiterbildungs- sowie Aufstiegschancen. Dazu wird es nötig sein, Gewinne zu reinvestieren, anstatt abzuschöpfen. Alles andere wäre eine Aufwertung des Handwerks und Verbesserung der Wettbewerbsposition auf Kosten der Beschäftigten. Dazu kommen Undurchsichtigkeiten, die zu mancher Insolvenz führen, wobei das Personal ebenfalls in die Röhre schaut.

Vor dem Hintergrund immer wiederkehrender Forderungen nach Sozialabbau und Niedriglöhnen wird es sich nicht nur mancher Grenzgänger, sondern auch viele einheimische Fachkräfte sicher weiterhin zweimal überlegen, ob sie sich diese Arbeitsqualität antun wollen – um obendrein, damit sind wir wieder am Anfang, durch die Blume Faulheit vorgeworfen zu bekommen.

Christoph Kühnemund

Quelle:

Zeitung vum Lëtzebuerger Vollek

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