Zu früh gefreut: Ikaria bleibt griechischEine kleine griechische Insel, die sich angeblich Österreich anschliessen will, erregt den Blätterwald Österreichs und heute auch die deutsche »Bild«. Unter Berufung auf die italienische Zeitung »Libero« hatten zahlreiche österreichische Blätter berichtet, die Einwohner von Ikaria wollten sich der Alpenrepublik anschliessen, um dadurch der Krise in Griechenland zu entgehen. Möglich sein sollte dies wegen eines 1912 abgeschlossenen Vertrages über den Beitritt der Insel zu Hellas, dessen Gültigkeit am gestrigen 17. Juli ausgelaufen sei. Das Anzeigenblättchen »Heute« phantasierte bereits, Ikaria könnte das zehnte Bundesland Österreichs werden, und der »Standard« bemühte sogar den Völkerrechtler Franz Leidenmühler von der Uni Linz, der keine völkerrechtlichen Probleme für eine derartige Erweiterung Österreichs sah.

Leider war alles nur ein Witz, wie heute Bürgermeister Christodoulos Stavrinidas dem Magazin »Österreich« sagte: »Das ist ein netter Scherz, nicht mehr. Ikaria bleibt bei Athen, es wird auch keine Volksbefragung geben. Es besteht auch kein auslaufendes Abkommen zwischen Athen und Ikaria.« Die Journalisten hätten wohl etwas durcheinander gebracht, vermutete er. Oder sie haben sich nicht einmal die Mühe gemacht, einmal Wikipedia zu bemühen. Dort gibt es einen Artikel über den Freistaat Ikaria, der 1912 aus der Insel Ikaria und den Fourni-Inseln in der östlichen Ägäis gebildet wurde und knapp ein Jahr bestand.

Wie Wikipedia zu berichten weiss, gehörte die Insel Ikaria seit 1521 zum Osmanischen Reich. Nachdem Italien im April 1912 während des Italienisch-Türkischen Krieges die Dodekanes erobert hatten, befürchtete die mehrheitlich griechische Bevölkerung, ebenso dem italienischen Kolonialreich einverleibt zu werden. Um diesem Schritt zuvorzukommen, wurde die nur 30 Mann umfassende türkischen Garnison gefangengenommen und am folgenden Tag der Freistaat Ikaria ausgerufen. Das Datum für diese »Revolution von Ikaria« war der 17. Juli 1912 nach dem Julianischen Kalender - nach der heute gültigen gregorianischen Zählung wäre der eigentliche Jahrestag deshalb erst der 30. Juli. Nach der Unabhängigkeit Ikarias lehnte Athen zunächst einen Anschluss der Insel an Griechenland ab, weil es eine Konfrontation mit dem Osmanischen Reich befürchtete. Erst am 4. bzw. 17. November 1912 besetzten griechische Truppen die Insel und beendeten damit die Souveränität des Freistaates, die offizielle Annexion erfolgte am 24. Juni / 7. Juli 1913. Einen auf 100 Jahre befristeten Vertrag, von dem in den Medienberichten die Rede war, gibt es dem Vernehmen nach nicht.

Nicht nur die österreichische Boulevardpresse ist über diese Sommerlochente gestolpert, auch die Kommunistische Initiative (KI) - eine Abspaltung der KPÖ - fühlte sich bemüssigt, in einer Pressemitteilung gegen eine Zerschlagung Griechenlands zu protestieren. »Grundsätzlich würden wir uns über eine Verstärkung durch die KKE-GenossInnen aus Ikaria zwar freuen,« schrieb der KI-Vorsitzende Otto Bruckner mit Blick auf die auf der Insel guten Wahlerfolge der griechischen Kommunisten, »aber natürlich lehnen wir die Infragestellung der territorialen Integrität Griechenlands ab.« Eine Angliederung an Österreich sei ohnedies keine wirkliche Lösung und befördere bloß »imperialistischen Größenwahn« in Österreich. »Die griechische Bevölkerung wird ausgeblutet«, kritisierte der ehemalige Arbeiterkammerrat. Nicht nur die Integrität Griechenlands sei zu wahren, sondern auch seine Souveränität wiederherzustellen – nämlich auf Basis der antiimperialistischen Volksmacht.

»Im Gegensatz zur heruntergekommenen KPÖ, die nicht müde wird, die ehemalige Schwesterpartei als „unverdrossen stalinistisch“ (O-Ton Walter Baier) zu diffamieren, unterstützt die seit 2005 bestehende Kommunistische Initiative den konsequenten Kurs der KP Griechenlands (KKE)«, unterstreicht Bruckner.

»Dass Österreich im neoliberalen Spiel der EU keine ‚Insel der Seligen‘ ist, wissen aber sicherlich auch die Ikarianer. Auch hierzulande ist der Reichtum extrem ungleich verteilt, den reichsten 10 Prozent gehört mehr als die Hälfte allen Vermögens in Österreich. Diese Schieflage gilt es mit aller Kraft zu bekämpfen«, kommentierte auch Selma Schacht, stellvertretende Vorsitzende der KI und aktuelle AK-Rätin der Kommunistischen Gewerkschaftsinitiative – International (KOMintern).